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Über die weiße Frau

Bílá paní

Östlich von der Stadt Lomnice ragten zwei hohe Berge. Der erste ist kleiner und einem ausgeknickten Zahn ähnlich. Er heißt Bradlec. Der zweite, der auf dem höheren, bewaldeten Berg steht, trägt den Name Kumburk. Die Beiden haben bereits vieles erlebt und es wird eine Menge an Sagen über sie erzählt.

Die Herren aus Kumburk und aus Bradlec hatten ständige Streitigkeiten. Da um ihre Gebietsgrenze, da darüber, wer von ihnen  reicher ist. Kein Richter wusste, wie ihre Streitigkeiten zu lösen sind.

Das Schicksal verflochtet die Schnüre jedoch so, dass sich der  junger Vojtěch aus Bradlec in die anmutige Veronika aus Kumburk verliebte. Keine konnte ihre Liebe vernichten, sie war fest und unzerbrechlich.

Aber der Vater von Vojtěch, der Herr aus Bradlec, gönnte seinem Sohn die Liebe mit dem Mädel aus dem feindlichen Kumburk nicht. Deshalb dachte er sich eine Finte aus.

“ Ich bringe dir eine Menge an Goldstücken,” sagte er der Hexe, die unter der Burg lebte, ”verhexe Veronika, damit sie Vojtěch nicht erkennen kann und damit verschwindet  ihre Liebe. Mein Sohn Vojtěch kann doch die Tochter des Herrn aus Kumburg nicht lieben!”

“ Gut, ich tue, was du verlangst”, erwiderte die Hexe, als sie das Gebimmel der Goldstücke hörte. Mit dem bösen Zauber verfluchte sie das schöne Mädchen Veronika in eine weiße Frau.

Die lief nachts immer  über die Bollwerke der Burg Kumburk und sang traurige Lieder.  Auch manche Menschen in der Herrschaft sahen sie in ihren Träumen. Sie gab den reichen viele Belehrungen und armen Kindern legte sie nachts leise weißes Geldstück unter den Kissen.  Und wenn sie jemanden mit ihrer kostbaren Orchidee streichelte, der hatte am nächsten Tag Glück gehabt. Wie viel Freude und Lachen verschenkte sie, so viele Tränen ausweinte sie jedoch nach Vojtěch.

Im Vojtěchs Herz hat sich die Trauer auch festgesetzt. Veronika kam nicht mehr unter die Birke am Bach und Vojtěch quälte sich, er wusste nicht, was passierte, dass die Schuld an seiner Trauer sein eigener Vater und die Hexe hatten. 

Er selbst glaubte der Hexe und dachte, dass sie ihm helfen könnte, weil ihre Zauber angeblich mächtig seien. Er fand also genug Mut und besuchte sie.

“Ich bitte dich, meine Veronika ist verschwunden, ich weiß nicht, wo ich sie suchen soll! Gib mir einen Rat, ich verschenke dir alles, was ich habe!” Bat er sie. Die Hexe wurde nachdenklich. Sie bekam ja bereits vom Vojtěchs Vater eine Menge Geld, warum sollte sie selbst Vojtěch beraten?  Das sah sie jedoch, wie Vojtěch, einst ein schöner junger Mann, sein fröhliches Gesicht verlor, wie in seinen Augen die kleinen Feuer der Freude erloschen, nur die große Sorge um Veronika blieb.

“ Gut, ich verrate dir was ich weiß!” Stimmte sie zum Schluss zu.  Und als sie diese Wörter sagte, freute sich ihr Herz! Immerhin, sie entschloss sich  zum ersten Mal in ihrem Leben zu guter Tat, die ihr sicher Vojtěch und Veronika nicht vergessen werden!

Vojtěch merkte sich sorgfältig alles, was die Hexe sagt!

Und als an dem Turm in Kumburg Mitternacht schlug, begab er sich zum Brunnen in Syřenov. Aus dem holte er soviel Wasser, wie viel er nur tragen konnte und begab sich zum  Kumburk. Er drängte sich durch den mysteriösen Wald vor, ging um die tiefen Wasserpfützen umher, er trotzte dem starken Wind, er scheute die seltsamen Waldwesen nicht einmal. Die Liebe von Veronika erfreute ihn.

Er kam zur Burg. Im Hof stand ein großer schöner Baum, welchen Vojtěch mit dem kostbaren Wasser berieselte.

Im Augenblick erblühten neun wunderschönen Zweigen auf dem Baum. Die verband er nach dem Rat der Hexe in drei duftige Blumensträuße!

“ Möge mir der erste Blumenstrauß die erste Tür in die Burg öffnen,” sagte er und schwenkte mit den Zweigen und der Weg in das Gemach war frei. Er tritt in einen gemütlichen Raum ein. Am Fenster stand die weiße Frau.

“ Möge mir der zweite Blumenstrauß meine verlorene Veronika zurückgeben”, sagte Vojtěch und lag die Blume in die Handflächen der weißen Frau hinein. Die weiße Frau verlor augenblicklich ihren traurigen Schatten aus dem Gesicht.

“ Vojtěch! Du hast mich gerettet!” rief Veronika und umarmte ihren Liebling.

Und der dritte Blumenstrauß?

Den trugen in kurzen Veronika und Vojtěch zum Altar. Ihre Liebe fügte zwei Uhrfeinde wieder zusammen. Was war das für Freude! Menschen auf  Kumburk und auf  Bradlec erlebten herrliche Tage, als die Liebe und die Freundschaft über Hass und dumme Bosheit  siegten!

Und die Hexe? Die lies sich nie wieder von dummen Absichten der reichen Herren bestechen.  Sie lebte im Unterburg und sammelte Zauberkräuter, mit denen sie die Habgier, die Lüge und die Unehrlichkeit von Herzen der Menschen abtrieb!

Wenn Sie sich in diese Gegend begeben, besuchen Sie die  beiden Berge, Bradlec und Kumburk. In der Ruine auf dem ehemaligen  Hof von Kumburg  steht bis heute ein Baumstumpf, aus welchem Vojtěch  die drei Blumensträuße für Veronika geflochten hat.

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Hergestellt 16.6.2005 13:25:21 - aktualisiert 30.3.2020 8:44:40 | gelesen 5739x | Jan
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